1. Einleitung
Der historische Kern der heutigen Stadt Brandenburg auf den Talsandflächen im holozänen Flußtal der Havel setzt sich vornehmlich aus drei großen Teilen zusammen: der Altstadt, der Neustadt und der Dominsel (MANGELSDORF/WEIGELT 1977).
Jeder Siedlungskomplex besaß eine eigene Entwicklung. Und erst im Jahre 1715 wurden die Altstadt Brandenburg und die Neustadt Brandenburg auf Anordnung König Friedrich Wilhelms I. zur Chur- und Hauptstadt Brandenburg vereint, und weitere 200 Jahre später (1929) die Dominsel eingemeindet.
Auf dem ältesten Katasterplan (Hedemann-Plan von 1722/24), den man von der Stadt kennt, sind daher schon beide Städte erfaßt, jedoch noch nicht die Dominsel (HEß/DRESSLER 1995).
2. Zum Namen
Der Ortsname "Brandenburg" bezeichnete anfänglich nur die Burg, deren slawischen Namen man nicht kennt. Es wird aber eine Verbindung zum Namen Woltitz gesucht, der später auftaucht. Eine Deutung aus den deutschen Wörtern "Brand" bzw. "brennen" ist jedoch nicht möglich. Wahrscheinlich hängt der Ortsname in Zusammenhang mit einem Gewässer, da diese Namensgebung bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts üblich war. Der germanisch- deutsche (Misch-)Name "Brandenburg" soll auf alte Verbindungen zu Sachsen zeigen (UDOLPH 1993).
3. Zur Bedeutung der Burg
Auf der Burg, der wahrscheinlich in germanischer Zeit eine Siedlung vorausging, begann auch die städtische Entwicklung.
Die Burg besaß in slawischer Zeit durch ihre günstige Lage verschiedene Vorteile. Sie befand sich in einem teilweise noch heute feuchten Gebiet auf einer Insel zwischen der Havel und dem Beetzsee.
Man erreichte so einerseits das Stammesgebiet auf dem Wasserweg in kürzester Zeit, gelangte sogar bis zur Elbe, besaß andererseits aufgrund der Insellage einen strategischen Vorteil, der nur im Winter wegfiel, wenn die Havel gefror. Ein Umstand, der die Geschichte dieses Standortes noch beeinflussen sollte. Weiterhin lag die Burg an der Handels- und Heerstraße Magdeburg-Brandenburg-Spandau-Lebus-Posen (HERRMANN 1963).
Doch möglicherweise erst im 9. Jahrhundert erlangte die Befestigung die Bedeutung einer Fürstenburg. In dieser Zeit war sie Hauptort und Zentrum des Hevellerstammes - eines Fürstengeschlechts mit Macht bis zur Oder.
Darüber hinaus gehörte sie vielleicht auch jenen acht civitates an, die vom "Bairischen Geographen" um 850 den Hehfeldi zugeordnet wurden. Ebenso umstritten ist jedoch auch, ob es sich hier um die civitas des Dragowits handelt (LABUDA 1980).
Zum ersten Mal wird die Brennaburg im Winter 928/29 erwähnt, während der Kriegszüge König Heinrichs I. gegen die Westslawen. Die Burg war das Ziel erster sächsischer Angriffe und konnte durch den erwähnten strategischen Nachteil des strengen Winters eingenommen werden.
Jedoch schon im Verlaufe des Jahres 929 gerät die Brandenburg bei Aufständen offenbar wieder in slawische Hände.
Über das Aussehen und die Größe der Burg, die auf der östlichen Hälfte der Insel lag, wurden durch archäologische Ausgrabungen genauere Erkenntnisse gewonnen. Aber auch durch die Kartierung von Rissen in Häusern und Senkungserscheinungen von Bürgersteigen, sowie durch Beobachtungen von Vernässungsspuren an Hauswänden, konnte man den Verlauf von Wall und Graben der Burg des 10. Jahrhundert feststellen. Durch diese Prospektionsmethoden werden jedoch auch Gefahren für die Gegenwart sichtbar, vor allem, wenn man erkennt, daß auch der Dom fast zur Hälfte auf dem Burggraben steht.
Insgesamt wurden neun Burgbefestigungen, mit zum Teil mehreren Phasen, nachgewiesen. Die ersten Burg wurde in einer Rostkonstruktion errichtet. Diese Holz-Erde-Mauer besaß eine Breite von 5 Metern und der vorgelagerte /a>Graben eine Breite von 3 Metern. Die siebente Burg konnte auf das Jahr 963 dendrochronologisch datiert werden. Ihr Durchmesser betrug 120 Mete mit einem Mittelpunkt im Bereich etwa der heutigen St. Petrikapelle. Im südlichen Teil der Insel stand eine Palisadenwand aus starken Eichenstämmen. Die Wallbasis dieser siebenten Burg betrug fast 24 Meter. Ein besiedeltes, ca. 1 Hektar großes Gelände nordöstlich der Hauptburg wurde grabenartig umschlossen, jedoch ließ sich ein Wall bisher nicht nachweisen.
Da zu jener Zeit das Brandenburger Havelgebiet zu den am dichtesten besiedelten Gebieten zwischen Elbe und Oder zählte, nimmt der Ausgräber Klaus Grebe eine Einwohnerzahl von 1-2000 Menschen für die Burg vor dem 11. Jahrhundert an; der Wert nach dem 11. Jahrhundert wird von ihm sogar noch höher geschätzt (GREBE 1991, 34).
Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert finden wir im Westteil der Insel eine Siedlung, desweiteren zwei Siedlungen mit Gräberfeldern im Bereich der späteren Neustadt, d. h. südlich der Insel. Nördlich gab es vielleicht weitere slawische Ansiedlungen.
Um das Jahr 940 waren alle slawischen Stämme bis zur Oder bereits der deutschen Tributherrschaft unterworfen. Die Brandenburg fiel durch den Verrat des Slawenfürsten Tugumir ebenfalls in deutsche Hände. König Otto I. unterstellte das Gebiet dem Markgrafen Gero. Am 1. Oktober 948 kam es zur Gründung des Bistums Brandenburg. Daraufhin erfolgte die Errichtung einer Kathedrale im nordöstlichen Teil der Vorburg (GREBE 1991, 23).
Der deutsche Einfluß wird nun auch archäologisch, speziell in der Keramik sichtbar, denn deutsche Töpfe des 10. Jahrhunderts und veränderte Bestattungssitten treten nun auf.
Nach dem Lutizenaufstand am 2. Juli 983 in Brandenburg mit der vorübergehenden Beseitigung der deutschen Herrschaft und des Christentums wurde die Burg erneut ausgebaut. Die dicht bebaute Anlage besaß nun einen Durchmesser von 200-280 Metern. Hochentwickeltes Handwerk, Fernhandel und Siedlungsplätze ringsherum charakterisieren die damalige Burg.
Wahrscheinlich richtete noch Pribislaw-Heinrich, der letzte Hevellerfürst, in der Burg den Vorgängerbau der heutigen St. Petrikapelle ein.
Südlich in der Burg befand sich nun ein slawisches Gräberfeld, andere Siedlungen bestanden weiter.
Spätestens zum Anfang des 11. Jahrhundert entstand auf dem Harlunger Berg ein, dem dreiköpfigen Gott Triglaw geweihtes Heiligtum als wahrscheinlicher Hauptkultplatz der Heveller (LÜBKE 1994/1995). Zweifelslos besaß das Heiligtum eine überörtliche Bedeutung, jedoch ist sein Standort nur durch schriftliche Überlieferung gesichert (GEISLER 1962). Das Götterbild und der vermutete Tempel wurden 1147 wahrscheinlich von Pribislaw-Heinrich beseitigt, denn noch vor 1166 entstand an der Stelle eine Marienkirche. Sie stieg nach 1220 zu einer bedeutenden Wallfahrtskirche auf, verfiel in nachreformatorischer Zeit und wurde schließlich 1772 abgetragen. Heute erinnert lediglich der in Marienberg geänderte Name der Anhöhe an die Kirche.
4. Die Entwicklung der Städte und umliegender Siedlungen
Am Fuße des Berges entwickelte sich schon vor 1166 ein suburbium zu dem noch Pribislaw eine Gemeinschaft von neun Prämonstratensers an die dortige St. Gotthardtkirche rief.
Man vermutet hier aus mehreren Gründen eine Kaufmannssiedlung:
Der Ortsname des suburbiums erscheint erstmals 1166 als ville, que dicitur Parduin. Das Wort Parduín stammt aus dem Niederländischen und findet sich oft in der Bedeutung als "Arm eines Flusses" - in diesem Fall also der Havel (BRETSCHNEIDER 1971). Der Name ließe also auf Siedler (möglicherweise Kaufleute) aus dem niederländischen Raum schließen.
Ähnlichkeit in der Topographie zeigt auch der obodritische Fürstensitz Alt-Lübeck. Auch hier befindet sich vor der Burg findet sich ein suburbium mit Werkstätten und jenseits der Trave, des dortigen Flusses, eine Kaufmannskolonie mit einer Kirche. So ist es wahrscheinlich, das es sich bei Parduín auch um eine Kaufmannssiedlung handelt, da sich die handwerkliche Produktion ja bereits im Burgbereich befand.
Desweiteren spricht die Münzprägung des Fürsten Pribislaw für ausgedehnte Handelsbeziehungen, die u. a. auch im archäologischen Fundmaterial erkennbar sind. Als Beispiele sollen hier eine Limoger Schnalle sowie Funde von sogenannter "Pingsdorfer Keramik" (Exportstücke die neben spätslawischem und frühdeutschem Keramikmaterial auftraten) angeführt werden (GREBE/MANGELSDORF 1983).
Letztendlich kann auch das Argument, daß um 1150/75 in Brandenburg ansässige mercatores in den Quellen verzeichnet sind, als Grund für eine Annahme einer Kaufmannssiedlung an dieser Stelle angeführt werden.
Markgraf Otto I. verbriefte 1170 den den Bewohnern der civitas Parduín, weitgehende Zollfreiheit in seinem Territorium. Klaus Grebe ist sich sicher, daß die Siedlung schon vor 1147 bestanden haben muß, jedoch finden sich keine eindeutigen archäologischen Beweise für eine Besiedlung vor 1150 an dieser Stelle (GREBE 1991, 15).
Die Burg wurde nach der Inbesitznahme im Jahre 1157 wieder zwischen dem Bistum und dem deutschen König aufgeteilt. Dadurch entstanden Funktionsänderungen, welche die Umsiedlung der slawischen Bewohner zur Folge hatten. Die dienstabhängigen Slawen mußten in die Kietze ziehen (KRÜGER 1962), derer sich auf der Insel drei befanden: der "Große Domkietz", der "Kleine Domkietz" (dessen Name bis heute als Straßenname "Domkietz" erhalten blieb), und der "Neustädtische Kietz". Die beiden letzteren wurden auch als "Woltitz" bezeichnet (s. o.).
Nach den Schätzung der Einwohnerzahl der Burg wurden nun zwischen den Jahren 1157 und 1165 etwa 200-300 Slawen aus der Burg in die Kietze umgesiedelt. Die freie slawische Bevölkerung dürfte jedoch an der Entstehung der neuen städtischen Gemeinwesen beteiligt worden sein.
Die Burg verändert daraufhin ihr Aussehen und ihre Größe. Die alte slawische Befestigung wurde abgerissen und ein frühstädtisches Zentrum entstand. Einige ältere Siedlungen in der Umgebung wurden inzwischen aufgegeben.
Pribislaw-Heinrich gab dem Sohn Albrecht des Bären schon 1127/30 die Zauche als Patengeschenk, ein Gebiet, das südlich bis an die Havel und die Burg heranreichte. U. a. gehörte auch der Teil der späteren Neustadt dazu. Pribislaw setzte Albrecht auch als seinen Nachfolger ein. Am 11. Juni 1157 konnte Albrecht die Brandenburg entgültig in Besitz nehmen, woraufhin sowohl der Bischof, als auch der Burggraf des Königs ihre Anteile forderten. Es kam zu einem "Kondominat zwischen Markgraf, Burggraf und Bischof" (SCHICH 1993, 56).
Albrecht bezeichnet sich ab 1157 als "marchio Brandenburgensis" und richtet einen Siedlungsaufruf an die Bewohner des niederländisch-niederrheinischen Raumes, vielleicht auch an jene, die der Siedlung Parduín den Namen gaben.
Die Prämonstratenser aus der St. Gotthardtkirche zu Parduín, die seit 1161 zum Domkapitel erhoben worden waren, bezogen auf Anweisung Bischof Wilmars 1165 auf der Insel die neue Domkirche St. Peter.
Um 1174/76 wird Parduín als "civitas" bezeichnet. In der Folgezeit entwickeln sich zwei fast eigenständige Teile; zum einen die Kernsiedlung Parduín mit der St. Gotthardtkirche als Pfarrkirche des Marktortes, und zum anderen etwas südwestlich davon ein zweiter, jüngerer Teil mit einem Marktplatz.
Vermutlich eine weitere markgräfliche Ortsgründung erfolgte schon vor 1175 mit der villa Luckenberg. Die gemischte Agrar- und Marktsiedlung mit der St. Nikolaikirche war möglicherweise eine Gegengründung zur Altstadt des Burggrafen. Man sieht eine Parallele zu dem gescheiterten Versuch der Gründung einer Marktsiedlung in Großwusterwitz im Jahre 1159.
Im Jahre 1197 wird die Brandenburg erstmals als caput Marchie bezeichnet. Ein ehemaliger Verkehrsweg mit zwei Havelbrücken kann aus den schriftlichen Quellen erschlossen werden. Er führt von Parduín über die Dominsel zur Siedlung Krakau und markiert gleichzeitig die Grenze der Domimmunität in deutscher Zeit. Er hat sich in den Straßenzügen Krakauer Straße-Domlinden-Burgweg erhalten und gehört wahrscheinlich zu der bereits erwähnten wichtigen Handelsstraße von Magdeburg nach Posen (HERRMANN 1963).
Die Markgrafen versuchten vergeblich den Handelsverkehr unter ihre Kontrolle zu bringen und richteten daher ihr Augenmerk nach Süden, auf das Land, das bereits zu ihrem Allodialbesitz gehörte. Dort gründeten sie die 1196 erstmals erwähnte Neustadt Brandenburg. Im Siegelbild der Stadt wird die Figur des Markgrafen gezeigt.
Weiter östlich befand sich bereits seit mindestens 1177 eine Siedlung. Sie wird als "villa Stutz", "Stütz" oder "Stutzdorf" erwähnt. Im ganzen Gebiet kam es zu Umstrukturierungen, bei denen der Grundriß der Neustadt als großzügiges Straßenkreuz angelegt wurde.
Der Kern der ersten Stadtanlage der Neustadt Brandenburg befand sich im Kreuzungsbereich der beiden Achsen, markiert durch die breite Steinstraße, den weiträumigen Marktplatz, sowie die große Pfarrkirche St. Katharinen. Die Stadtanlage war bereits 1229 begrenzt. Winfried Schich vermutet eine Befestigung mit Wällen, Palisaden und Gräben.
Später erfolgte eine Erweiterung nach Süden, es kamen die Heidestraße (1305 erwähnt) und der Temnitz dazu. Schon im 13. Jahrhundert erfolgte die Einrichtung eines Wirtschaftshofes des Markgrafen in dieser Gegend bei dem 1286 der Dominikanerorden ein Kloster gründete.
Auch die Wollenwebergasse im Westen wurde durch die Ansiedlung von Wollenwebern im 13. Jahrhundert angelegt. Die St. Katharinenkirche ist schon für das Jahr 1216 indirekt bezeugt und weist mit dem besonders in Flandern verbreiteten Patrozinium der hl. Amalberga wahrscheinlich auf von dort stammende Siedler.
Die Wirtschaft der Neustadt wurde vor allem durch die Mühlenanlagen gefördert, da die sandigen Flächen in der Umgebung für eine agrarische Nutzung kaum von Bedeutung waren. Es ist also anzunehmen, daß die Neustadt Brandenburg als reine Handels- und Gewerbestadt gegründet wurde.
Seit 1237 setzten sich dann die Bezeichnungen Altstadt Brandenburg für Parduín durch. Alle Bewohner, die in der Altstadt zu Diensten verpflichtet waren, wurden auch hier zu eigenem Recht außerhalb der Stadt im ("Altstädtischen" oder auch "Wenden-") Kietz angesiedelt.
Spätestens am Anfang des 13. Jahrhundert stand die steinerne Befestigung der Altstadt. Der Kietz und das im Jahre 1204 erwähnte Hospital blieben außen vor, jedoch bestand ein Graben zwischen dem eigentlichen Stadtgraben und dem Beetzsee, so daß Kietz und Hospital nicht völlig ohne Schutz lebten (GREBE 1991, 25).
Es erfolgte schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine Veränderung der Verkehrsführung von Parduín zum nördlich der ehemaligen Burg gelegenen Krakau. Die Verbindung über die Insel wurde nun aufgegeben und die Homeienbrücke und der anschließende Damm um 1216 errichtet.
In den vierziger Jahren des 13. Jahrhundert lassen sich Mitglieder des Franziskanerordens aus Ziesar in der Altstadt nieder und beziehen die St. Johanniskirche. Die Stadtmauer verlief an dieser Stelle direkt hinter den Klostergebäuden.
1249 wurden die Dörfer Blosendorf und Callenberg mit Wiesen, Weiden und Gewässern bis hin zum Quenzsee der Altstadt überschrieben. In der gleichen Urkunde verfügt der Markgraf auch über die Eingliederung des Dorfes Luckenberg, die aber erst 1295 vollzogen wurde. Daraufhin fiel die Siedlung wüst und nur die Kirche blieb bis heute erhalten (BLASCHKE 1967).
5. Das Ende des Mittelalters in Brandenburg
Spätestens im 14. Jahrhundert gab es eine getrennte, nach Magdeburger Vorbild handelnde Gerichtsbarkeit in den beiden Städten Brandenburg. Die Rathäuser standen auf dem jeweiligen Markt, jede Stadt besaß eine eigene Pfarrkirche mit Schule, desweiteren eine Bettelordensniederlassung und ein Heiliggeistspital. An den von den Städten wegführenden Fernstraßen sind auf jüngeren Abbildungen je ein Galgen zu sehen. Winfried Schich kommt zu der Meinung, "Brandenburg war eine echte Doppelstadt".
Gemeinsame Belange wurden in dem 1348 errichteten rathus beyder stede auf der Langen Brücke beraten. In ihm tagte das Schöffengremium. Komplizierte Besitz- und Verkehrsverhältnisse gaben seit dem 14. Jahrhundert wiederholt Anlaß zu Streitigkeiten beispielsweise über die Fischerei, um Dämme, Mühlengewässer, Lehmgruben, Wiesen, Wälder, Wochen- und Jahrmärkte und um Durchfahrtsrechte. Dies führte oft dazu, daß die Brücke monatelang gesperrt wurde.
Beide Städte dehnten sich im 14. und 15. Jahrhundert weiter aus. Die Neustadt wurde zur Havel hin erweitert und in dem außerhalb der Stadtmauer liegenden Gebiet (später Venedig genannt) siedelten sich die "schmutzigen Gewerke" an.
Dörfer auf weniger fruchtbaren Böden, wie Görden, Schmöllen, Görisgräben, Wendgräben oder Duster-Reckahn fielen nun dem Wüstungsprozess zum Opfer und den Städten zu. Die Neustadt erwarb beispielsweise sich ausbreitende Heideflächen und Ackerland der Siedlungen Planow, Stenow oder Krakow.
Der Ausbau beider Städte hatte eine Neuordnung der Wasserführung zufolge. Dämme von der Neustadt über die Dominsel in Richtung Krakow gaben zwar Wasserkraft, beispielsweise für die Burgmühlen, sperrten aber die Havel für die Schiffahrt. Um diese aufrecht halten zu können, wurde ein Graben südlich um die Neustadt herum gebaut, der 1315 erstmals als vlotrenne erwähnt ist.
Innerhalb der neuen Stadtmauer wird 1353 die Kuhstraße, in der man wohl schon seit 1315 Bauern ansiedelte, welche Viehhaltung betrieben. Heute heißt die Kuhstraße vornehmer, aber verklärt: Kurstraße. Im Jahre 1305 wird die Münzstraße (mit der markgräflichen Münze) in der Neustadt erwähnt. Die Landesherren verkauften zwischen 1308 und 1432 die vier Kietze. Auch der Bischof zog sich im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts nach Ziesar zurück.
Die Neustadt hatte die Altstadt inzwischen wirtschaftlich überflügelt und war im 14. Jahrhundert mit 694 Häusern und 97 Buden fast doppelt so groß wie ihre 375 Häuser und 87 Buden umfassende Nachbarstadt.
In der Altstadt wurde an den Hängen des Marienberges Wein angebaut und die ehemaligen Bewohner der Kietze arbeiteten, wie schon Generationen zuvor, in der Fischerei.
Ein Ziegelhof stellte vor der Stadtmauer der Neustadt, in der Nähe des Wassertores, welches im Jahre 1408 zusammen mit einer Badestube erwähnt wird, Ziegel für die Stadt und ihre Umgebung her.
Sechs Jahre zuvor errichtete die Neustadt ein Rolandstandbild zur Demonstration ihrer Freiheit auf dem Markt, bevor dann über ein Jahrhundert später die lutherische Lehre Brandenburg erreichte. Relativ früh (1536) drang sie in die Neustadt, zwei Jahre später auch in die Altstadt. Die Klöster gelangten nun in den Besitz der Städte, die daraus Pfründen- und Armenhäuser oder Spitäler errichteten.
Das Domkapitel nahm jedoch erst 1555 die neue Lehre an und beendete somit das Mittelalter in Brandenburg.
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
BLASCHKE, Karlheinz: Nikolaipatrozinium und Städtische Frühgeschichte, in: Zeitschrift der Savigny- Stiftung für Rechtsgeschichte, Bd.84, Kanonistische Abteilung LIII, Weimar, 1967.
BRETSCHNEIDER, Anneliese: Der Ortsname Parduin, in: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam, 6, 1971.
DALITZ, Stefan: Brandenburg auf der Schippe, Teil 2 und 3, in: Kulturspiegel der Stadt Brandenburg (Havel) 7/93 und 8/93, Brandenburg, 1993.
EICHHOLZ, Paul: Stadt und Dom Brandenburg (= Die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg, Bd. 2, Teil 3). Berlin, 1912.
FEHRING, Günter P.: Stadtarchäologie in Deutschland. Archäologie in Deutschland Sonderheft, Stuttgart, 1996.
GEISLER, Horst: Archäologische Beobachtungen auf dem Marienberg in Brandenburg (Havel), in: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam, 1, 1962.
GREBE, Klaus: Die Brandenburg vor eintausend Jahren, Potsdam, 1991.
GREBE, Klaus/MANGELSDORF, Günter: Eine Limoger Gürtelschnalle aus Brandenburg (Havel), in: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam, 17, 1983.
HERRMANN, Joachim: Magdeburg- Lebus, Zur Geschichte einer Straße und ihrer Orte, in: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam, 2, 1963.
KRÜGER, Bruno: Die Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleuropa. Beiträge der Archäologie zu ihrer Altersbestimmung und Wesensdeutung (= Schriften der Sektion für Vor- und Frühgeschichte 11), Berlin 1962.
LABUDA, Gerard: Civitas Dragaviti, Zu den fränkisch- slavischen Beziehungen am Ende des 8. Jahrhunderts, in: Europa Slavica- Europa Orientalis, Festschrift für Herbert Ludat, hrsg. von Klaus- Detlev Grothusen und Klaus Zernack, Berlin, 1980.
LÜBKE, Christian: Zwischen Triglav und Christus, Die Anfänge der Christianisierung des Havellandes, in: Wichmann- Jahrbuch des Diözesangeschichtsvereins Berlin, Neue Folge 3, XXXIV.- XXXV. Jahrgang, 1994/1995.
MATERNA, Ingo/RIBBE, Wolfgang: Geschichte in Daten-Brandenburg, Berlin, 1995.
RIEDEL, Adolph Friedrich (Hrsg.): Codex diplomaticus Brandenburgensis, Hauptteil 1, Bd. 8 und 9, Berlin, 1847.
SCHICH, Winfried: Brandenburg (Havel), (= Deutscher Städteatlas, Lieferung V, Nr. 2, Hrsg. von Heinz Stoob) Altenbecken, 1993.
SCHICH, Winfried (Hrsg.): Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter, (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 84) Berlin, 1993.
UDOLPH, Jürgen: Alteuropäische und germanische Namen in Brandenburg und seiner Umgebung. In: Winfried Schich (Hrsg.), Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter, 1993, 1-28.